Sonntag, 30. März 2014

Nur breiter

Dass hier natürlich die breite und freie Meinungsäußerung ein ganz wichtiges Element ist, um die Kreativität einer Gesellschaft voranzubringen.
 (Angela Merkel)

Dieses Zitat findet man überall dort, wo über den Besuch des Chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping in Deutschland berichtet wird. Der Tenor ist loben: Kanzlerin Merkel spricht den großen Mann aus China hinter verschlossenen Türen auf Menschenrechtsfragen an. Knallhart.
Tatsächlich spielt Merkel hier eine semantische Trickkarte. Auf den ersten Blick wirkt die Wortwahl der Kanzlerin betont menschenrechtsaffin. Nicht nur Meinungsäußerung, nein "breite" und "freie" sollen es doch bitte sein. Scheinbar unterstreicht Merkel damit die Bedeutung und hebt das Grundrecht sogar noch etwas an.
Denn für sich genommen sind beide Begriffe dazu geeignet. "Breit" klingt erweiternd, vergrößernd. "Frei" verstärkt das noch einmal. Warum also gibt es etwas zu meckern?
Weil Merkel, das ist bei Politikern bedeutend, von einem normalen Sprachgebrauch abweicht. Zuerst indem sie von "Meinungsäußerungen" spricht. Zwar klingt die Kollokation "freie Meinungsäußerung" als sei sie ein Synonym von "Meinungsfreiheit", sie ist es aber nicht. Meinungsfreiheit ist ein Menschenrecht, "freie Meinungsäußerung" ist es nicht - oder nur, wenn der Zuhörer es si verstehen will. Sie ist auch etwas anderes, den Meinungsfreiheit
schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art [...] zu empfangen und zu verbreiten.
Was mit der Zensurpraxis in China nicht vereinbar ist. Damit wird der zweite sprachliche Abweicher plötzlich bedeutend. "Breite" ist dann nämlich nicht mehr erweiternd wie es klingt, es ist einschränkend und verengend. Wären die Meinungsäußerungen "frei" dürfte man sagen was man will. Das ist Freiheit. Sind sie "Breit und frei", darf man nicht mehr ganz so viel sagen. Ein Paar Sachen sind nicht erlaubt. Etwa so viele, wie den Unterschied zwischen "ganz" und "breit" ausmachen. Ruth Kirchner, Chinakorrespondent für Deutschlandradio Kultur, fasst das so zusammen: "
Was ganz klar nicht erlaubt ist, das nenne ich einmal die drei T, also Tiananmen, Tibet, Taiwan.
 Und das ist dann der Unterschied zwischen dem, was Merkel gesagt hat und dem, was sie sagen sollte.  In China gelten die Menschenrechte nicht. Die Meinungsfreiheit nicht. Das ist schlecht und man kann damit leben und Geld damit verdienen oder muss sich etwas anderes überlegen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen